2016
marsch der frauen
EntArteOpera 2016
Projekt Wien 2016
THEMENSCHWERPUNKT Verfemte und Vergessene Komponistinnen
Ausstellung
Marsch der Frauen
Ungehörige Komponistinnen zwischen Aufbruch, Bruch & Exil
henriette bosmans
Henriette Bosmans
Henriëtte Bosmans verband oft nicht nur eine berufliche Kooperation mit ihren Bühnenpartnern und
-partnerinnen, sondern auch eine emotionale Beziehung. Die Cellistin Frieda Belinfante, der Geiger
Francis Koene oder die französische Sopranistin Noëmie Perugia inspirierten die Komponistin zu
zahlreichen Werken für Cello oder Geige oder zu ihren bekannten Liedern. Den Zweiten Weltkrieg
überlebte die frauenliebende Künstlerin wie durch ein Wunder in der inneren Emigration in
Amsterdam. In der Doppelfunktion als Pianistin und Komponistin gilt sie für die erste Hälfte
des 20. Jahrhunderts als eine der zentralsten Musikerinnen der Niederlande.
„I was brought up with music.“ Henriëtte Bosmans
Musik war „as life itself, as the most living reality.“ Henriëtte Bosmans
Henriëtte Bosmans (1895–1952) Musikalische Liebschaften
Eine Niederländische Doppelbegabung – Pianistin und Komponistin
Henriëtte Hilda Bosmans wurde am 6. Dezember 1895 in Amsterdam geboren und wuchs als Einzelkind
in einem überaus musikalischen Ambiente auf. Der Vater Henri war Solo-Cellist im Royal
Concertgebouw-Orchester. Die Mutter Sara Benedicts, eine Pianistin und Pädagogin entstammte einer
jüdischen Familie. Beide traten oft gemeinsam auf. Noch bevor die Tochter ein Jahr alt war, starb
der Vater. Die Mutter erteilte Henriëtte schon früh Klavierunterricht und so konnte sie mit nur 17
Jahren in Utrecht mit Auszeichnung ihren Abschluss zur Klaviervirtuosin bestehen. Als Pianistin
trat sie bereits in jungen Jahren zusammen mit dem Royal Concertgebouw-Orchester auf und erhielt
gleichzeitig durch Jan Willem Kersbergen fachliche Anleitung in Harmonielehre und Kontrapunkt.
Bereits im Alter von ungefähr 16 Jahren schrieb sie Kompositionen für Klavier, mit 19 Jahren
erlebte sie ihre ersten Publikationen und mit 23 Jahren konnte sie ihre Bühnenpremiere feiern.
Komposition und Interpretation
Henriëtte Bosmans perfektionierte das Klavierspiel und vertiefte ihre kompositorischen Kenntnisse
unter anderem 1920/21 in einem Theoriekurs von Arnold Schönberg und bei dem Komponisten und
Dirigenten Cornelis Dopper. Als Dreißigjährige suchte sie musikalisch nach neuen Ausdrucksformen
und so führte sie die Neugierde nach einer neuen Tonsprache unwillkürlich zu Willem Pijper.
Durch seine Kompositionen, die ab 1919 atonal und schließlich polytonal waren, sicherte er der
Musik seines Landes einen hervorragenden Platz im europäischen Musikleben. Bosmans nahm zwischen
1927 und 1930 bei ihm Unterricht. Mit seiner Hilfe integrierte sie zeitgenössische Aspekte und
experimentierte mit Polymetrie und Polytonalität. Sie schrieb Lieder, Kammermusik und Orchesterwerke.
Ihr Concertino für Klavier und Orchester, das 1928 entstand, avancierte zu ihrer erfolgreichsten
Komposition. Es wurde für das Festival der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik von der Jury
ausgewählt und dort 1929 in Genf von ihr selbst am Klavier interpretiert.
Neben den Auftritten blieb ihr jedoch wenig Zeit für die Komposition. Oft pausierte sie monatelang,
manchmal sogar Jahre was zu einem quantitativ eher kleinen Werkumfang führte. Dennoch nimmt sie als
Komponistin eine herausragende Rolle in der niederländischen Musikgeschichte ein.
Musikalische Beziehungen
Henriëtte Bosmans Leben war eng mit musikalisch Gleichgesinnten verbunden. Zwischen 1922 und 1929
fiel die Wahl auf Frieda Belinfante. Durch die Cellistin wurde sie zu zahlreichen Kompositionen
für Cello inspiriert. Das Zweite Cellokonzert widmete sie Frieda. Es wurde 1923 mit ihr als
Solistin uraufgeführt. Nach der Trennung galt ihre Beziehung zwischen 1933 und 1934 dem Geiger
Francis Koene. Bosmans ließ sich nun von dem Instrument der Geige und ihrem Interpreten anregen.
Das Konzertstück für Violine und Orchester schrieb sie unter dem Einfluss seiner östlichen
Herkunft, zu einer gemeinsamen Aufführung und der geplanten Hochzeit kam es nicht mehr.
Koene starb 1935 mit nur 36 Jahren plötzlich an einem Gehirntumor was eine Schaffenskrise
der Komponistin auslöste.
Als das neutrale Königreich im Mai 1940 von der deutschen Armee überfallen wurde, galt für
Kunstschaffende die Mitgliedschaftspflicht in der Reichskulturkammer. Die Beitrittsverweigerung
der Künstlerin führte zu einem öffentlichen Auftritts- und Spielverbot ihrer Werke. Henriëtte
entging einer Inhaftierung und überstand die mörderische Zeit in der inneren Emigration. Als
Komponistin verstummten die Töne. Bereits 1945 trat sie in Den Haag und Amsterdam als Pianistin
vor ihr Publikum und begann erneut zu komponieren. Ihr Lied Daar komen de Canadeezen – Dort
kommen die Kanadier – war gleichsam eine Hymne auf die Befreiung. Ihr Doodenmarsch – Totenmarsch –
entstand ebenfalls 1945 nach einem Text von Clara Eggink. Ebenso schrieb sie zahlreiche Zeitungsartikel.
Ende der 1940er Jahre traf Bosmans auf Noëmie Perugia. Die französische Sopranistin inspirierte
sie zu fünfundzwanzig Liedern. Sie gelten als die feinsten, die in den Niederlanden komponiert
wurden. 1951 erhielt sie die ehrenvolle Auszeichnung des Ritters des Ordens von Oranien-Nassau.
1952 trat sie zum letzten Mal zusammen mit Perugia auf. Sie starb im gleichen Jahr im Alter von
nur 57 Jahren an Magenkrebs. Seit 1994 wird, ihrem Gedächtnis zu Ehren, in den Niederlanden der
Henriëtte Bosmans-Preis an junge Musikschaffende vergeben. Er ist dotiert und inkludiert eine
Aufführung des Werks. Ihr musikalisches Vermächtnis wird zunehmend wiederentdeckt.
Dr.in Lisa Fischer
Werkverzeichnis:
2 x Drie Klavierstukken | 1914 | Klavier
Preludes |1917 | Klavier
Sonate für Violine und Klavier | 1918
Sonate für Violoncello und Klavier | 1919
Poème für Violoncello und Klavier | 1920
Trio für Violine, Violoncello und Klavier | 1921
Erstes Cellokonzert | 1921
Poème für Violoncello und Orchester | 1923
Zweites Cellokonzert | 1923
Impressions | 1926 | Violoncello und Klavier
Nuit calme | 1926 | Violoncello und Klavier
Poème für Violoncello und Orchester | 1926
Streichquartett | 1927
Concertino für Klavier und Orchester | 1928
Poème für Klavier und Orchester | 1928
Konzertstück für Flöte und Kammerorchester | 1929
Konzertstück für Violine und Orchester | 1934
Belsazer | 1935 | Stimme und Orchester
Im Mondenglanze ruht das Meer I 1935 I Stimme und Klavier
Doodenmarsch | 1945 | Melodram mit Orchester
Daar komen de Canadezen | 1945 | Sopran und Klavier
Dix mélodies | 1948 | Stimme und Orchester
Copla | 1950 | Vokalensemble und Klavier
Klavierlieder I 1921 – 1951 I